Erklärung der Jugend zum Sudetendeutschen Tag 2026

Erklärung der Jugend ST 2026

Sehr verehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir stehen heute hier in Brünn.

In einer Stadt, die auch für die Brüche, die Wunden, aber ebenso für die Möglichkeiten unserer gemeinsamen europäischen Geschichte steht.
Und wo Versöhnung heute wieder möglich wird.

Dass wir als Sudetendeutsche Jugend – Jugend für Mitteleuropa ausgerechnet hier sprechen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit.
Es ist ein Zeichen.
Ein leises, aber starkes Zeichen dafür, dass Geschichte uns prägt – aber nicht gefangen hält.

„Alles Leben ist Begegnung.“

Dieses Motto ist in diesem Jahr mehr als nur ein Leitgedanke.
Es ist eine Herausforderung.
Denn Begegnung ist nicht immer einfach.
Begegnung verlangt Offenheit.
Begegnung verlangt manchmal Mut.
Und oft verlangt Begegnung auch, sich der eigenen Geschichte ehrlich zu stellen.

Viele unserer Vorfahren haben genau hier oder in den weiteren sudetendeutschen Regionen gelebt.
Ihre und unsere Lebensgeschichten sind eng mit Orten wie diesem verbunden – mit all dem, was sie einmal waren und was sie heute sind.

Die Ereignisse der nationalistischen Zeit bedeuteten für beide Seiten eine tiefe Zäsur, die mit existentiellem Verlust, Verzweiflung, Unsicherheit und auch dem Abschied von der vertrauten Heimat verbunden war.

Doch für uns ist diese schmerzvolle Erinnerung heute kein Anlass zur Abgrenzung.
Sie ist ein Auftrag zur Verantwortung – für einen respektvollen Umgang miteinander und für eine gemeinsame Zukunft in Europa.

Denn gerade wir wissen:
Wo Begegnung endet, beginnt Entfremdung.
Und wo Entfremdung wächst, entsteht Raum für Misstrauen, für Ausgrenzung – und im schlimmsten Fall für Gewalt zwischen Schwestern und Brüdern.

Gerade deshalb ist es von so großer Bedeutung, dass wir heute hier sind.
Als Partner für eine gemeinsame Zukunft. 

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche.
Die internationale Ordnung, die lange als stabil galt, gerät ins Wanken.
Gewissheiten, auf die sich Generationen verlassen haben, verlieren an Verlässlichkeit.

Was dabei auf dem Spiel steht, ist mehr als Politik.
Es ist die Frage, ob wir es schaffen, das europäische Versprechen einzulösen.

Dieses Versprechen lautet nicht Einheit im Gleichklang.
Es lautet auch nicht das Vergessen von Geschichte.
Es lautet: Unterschiedlichkeit auszuhalten – und dennoch gemeinsam zu handeln.

Europa entsteht nicht in Verträgen allein.
Europa entsteht in der Begegnung von Menschen.
Zwischen Generationen.
Zwischen Perspektiven.
Zwischen tschechischen und deutschen Nachbarinnen und Nachbarn.

Gerade wir als SdJ wissen, wie zerbrechlich dieses Fundament ist.
Und wir wissen aus unserer eigenen Arbeit, wie wertvoll und wundervoll es ist, wenn es gelingt.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen der letzten Jahrzehnte zeigen, was möglich ist.
Sie zeigen, dass aus Schmerz Verständigung wachsen kann.
Dass aus Distanz Nähe entstehen kann.
Und dass aus Geschichte Zukunft werden kann.

Doch diese Entwicklung regelt sich nicht von allein!

Wir erleben auch heute wieder, wie schnell sich Gesellschaften und auch junge Menschen polarisieren.
Wie leicht einfache Antworten auf komplexe Fragen verfangen.
Wie schnell politische Debatten an Schärfe gewinnen – und an Tiefe verlieren.

Und wir sehen auch, wohin das führen kann:
Wenn autoritäre Kräfte in Europa und darüber hinaus gezielt versuchen, Zweifel zu säen, Vertrauen zu zerstören und Gesellschaften gegeneinander auszuspielen.
Wenn Populisten einfache Feindbilder bedienen und dabei die Grundlagen unserer Demokratie untergraben.
Und wenn manche beginnen zu glauben, Freiheit und Frieden seien verhandelbar oder selbstverständlich.

Das sind sie nicht. 

Freiheit und Frieden sind Errungenschaften – und sie bleiben nur bestehen, wenn wir bereit sind, sie zu verteidigen.
Nicht mit Lautstärke und nicht mit Hass, sondern mit Haltung, mit Klarheit und mit dem festen Willen, unsere demokratischen Werte zu bewahren.

Wir stehen für eine Haltung, die klar ist, ohne auszugrenzen.
Die widerspricht, ohne zu verfeinden.
Die Verantwortung übernimmt, ohne Schuld zu kollektivieren oder zu instrumentalisieren.

Wir lassen uns nicht treiben von Angst oder Wut.
Wir lassen uns nicht verführen von Extremismus – weder von rechts noch von links.
Und wir lassen uns nicht einreden, dass die Zukunft Europas in der Abgrenzung und in nationalen Alleingängen liegt.

Im Gegenteil:

Gerade in einer Welt, die unsicherer wird, braucht es mehr Europa – nicht weniger.
Ein Europa, das handlungsfähig ist.
Ein Europa, das Verantwortung übernimmt.
Ein Europa, das seine Werte nicht nur benennt, sondern lebt.

Und dieses Europa beginnt nicht irgendwo abstrakt.
Es existiert genau hier – genau zwischen uns.
In Städten wie Brünn.
In deutsch-tschechischen Begegnungen wie dieser.

„Alles Leben ist Begegnung.“

Wenn wir diesen Satz ernst nehmen, dann bedeutet das auch:
Begegnung ist keine einmalige Geste.
Sie ist ein fortwährender Prozess.

Ein Prozess, der Geduld verlangt.

Aber genau hier, in Brünn, wird sichtbar, was möglich ist.

Dort, wo einst Menschen getrennt wurden, stehen wir heute zusammen.
Dort, wo Vertrauen zerbrochen ist, wächst neues Vertrauen.
Und dort, wo Geschichte lange nur trennte, beginnt sie heute zu verbinden.

Das ist eine Entscheidung.

Eine Entscheidung für Menschlichkeit.
Eine Entscheidung für Verantwortung.
Und eine Entscheidung für unseren Teil von Europa.

Wir als SdJ – Jugend für Mitteleuropa – wollen Teil dieser Entscheidung sein.
Nicht irgendwann.
Sondern jetzt.

Denn wir sind die Generation, die nicht mehr nur von der Vergangenheit erzählt bekommt oder erzählen will –
sondern wir sind die Generation, die Verantwortung mitträgt für das, was aus der Vergangenheit wird.

Und deshalb sagen wir:

Wir bleiben nicht stehen.
Wir gehen aufeinander zu.
Wir hören einander zu.

Denn am Ende entscheidet sich alles an einer einfachen Frage:

Haben wir den Mut zur Begegnung –
oder fallen wir zurück in die Muster der Vergangenheit? 

Wir haben uns entschieden.

Für menschliche Bande zwischen Deutschen und Tschechen, die nicht trennen – sondern verbinden.

Für mehr Gemeinschaft.
Für mehr Verständnis.
Für unsere Verantwortung für die Zukunft.

(Es gilt das gesprochene Wort.)